Technik

Belichtungsberechner-Uhr: Die Nodus Obscura

Ein neuer Stern am Himmel der fotografischen Kuriositäten: Die Nodus Obscura – eine mechanische Armbanduhr mit integriertem Belichtungsmesser für analoge Filmfotografen. Oder anders gesagt: Ein Lösungsansatz für ein Problem, das seit den 1970er Jahren nicht mehr existiert.

Die Sunny-16-Regel für nur 650 USD

Die in Los Angeles entworfene Nodus Obscura richtet sich an eine ganz besondere Zielgruppe: Jene mythischen Wesen, die analoge Kameras ohne Belichtungsmesser besitzen und dennoch korrekt belichten möchten. Was die Uhr im Kern bietet, ist die auf ein Handgelenk geschrumpfte Sunny-16-Regel – eine simple Faustregel, die Fotografen seit Jahrzehnten im Kopf anwenden: Bei Sonnenschein Blende 16 einstellen und Verschlusszeit dem ISO-Wert anpassen. Eine Information, die man auch auf einem Bierdeckel notieren könnte, anstatt 650 USD für ein mechanisches Armband-Wunderwerk auszugeben.

Die Bedienung – komplizierter als nötig

Die Anwendung des Systems erfordert eine kleine Choreografie am Handgelenk: Erst die Lünette drehen, dann über den Zifferblattring den ISO-Marker suchen, schließlich die passende Verschlusszeit ablesen – ein Vorgang, der deutlich länger dauert als der Blick auf den eingebauten Belichtungsmesser, den praktisch jede Kamera seit 1975 besitzt. Oder auf eine der 500 Smartphone-Apps, die dasselbe in Sekundenschnelle erledigen. Auf der Nodus Obscura-Website gibt es ein stimmungsvolles Video dazu.

Für wen könnte das Ding tatsächlich nützlich sein?

Es gibt genau zwei Typen von Fotografen, für die die Nodus Obscura nicht völlig überflüssig sein könnte:

  1. Die Enthusiasten, die mit selbstgebauten Lochkameras auf Fotopirsch gehen – jene Holz- oder Blechkästen ohne Objektiv und ohne elektronische Bauteile.
  2. Fotografen, die ihre kaputten, musealen Kameras nicht reparieren lassen wollen, aber trotzdem benutzen.

In beiden Fällen ließe sich das Problem allerdings auch mit einem Notizzettel oder der Taschenrechner-App lösen.

Design-Hommage an eine Zeit, als Fotografieren noch Arbeit war

Besonders rührend sind die liebevollen Design-Details der Uhr: Der hellblau-weiße Sekundenzeiger erinnert an die Perforationslöcher belichteter Diafilme – ein nostalgisches Element, das die meisten analogen Fotografen heute nur noch aus Museen kennen. Die sanduhrförmige Anordnung an der 12-Uhr-Position soll eine „subtile Referenz an den Lauf der Zeit“ sein – passend für ein Gadget, das den Lauf der Zeit erfolgreich ignoriert.

Die Wasserdichtigkeit bis 100 Meter ist übrigens ein praktisches Feature für all jene, die ihre Belichtungen auch unter Wasser ausrechnen möchten.

Innovationspreis des Jahres 1965

Die Nodus Obscura wäre ein fantastisches Produkt – für das Jahr 1965. Damals hätte sie vielleicht sogar den Innovationspreis gewonnen. Für jene analogen Fotografen, die auch ihre Smartphone-Navigation ausdrucken und als Karte benutzen, ist sie sicherlich ein unverzichtbares Accessoire. Für alle anderen bleibt sie eine 650 USD teure Erinnerung daran, dass die Fotografie schon vor einem halben Jahrhundert die Notwendigkeit solcher Hilfsmittel überwunden hat. Die Belichtungsmesser-Uhr kann man ab sofort vorbestellen. So soll im Juni 2025 ausgeliefert werden.

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Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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