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Was kommt und – vor allem – was bleibt von der Fotografie, wie wir sie bisher kennen, wenn Foto-KI immer leichter bedienbar wird? Diese Fragen ­quälen aktuell nicht nur die Profifoto­grafen. Christoph Künne spekuliert über neue und alte Tätigkeitsfelder.

Wann immer ich in Fotografenkreisen ­begeistert von den neuen Möglich­keiten der Bilder-KIs berichte, zeigt sich nach wenigen Minuten eine unübersehbare Beklommenheit in den Mienen meiner ­Zuhörer. Die Profis unter ihnen fürchten um den Lebensunterhalt. Die Amateure ärgern sich darüber, dass ihre mühsam erworbenen Fähigkeiten durch die neue Technik über Nacht entwertet werden. Beides ist verständlich und keineswegs unbegründet.

Was kommt?

Ganz klar ist: Bilder mit einer relativ geringen Schöpfungshöhe werden die ersten Opfer der fotografischen KI. Stockfotografie etwa benötigt meist generische Bilder, die bestimmte Themen oder Konzepte repräsentieren. Wenn man nun, statt mit ein paar Stichworten in einer Datenbank nach einen Bild zu suchen, mit demselben Text eine Reihe von Bildvarianten ähnlichen Inhalts erzeugen kann – warum sollte man dann noch die teureren Fotos nutzen? Dieser Umstand raubt vermutlich vielen Fotografen ihr meist ohnehin karges Auskommen. Auch Models, Visagisten, Bildbearbeiter und Assistenten sind mitbetroffen.

Gefährdet ist ebenfalls die Produktfotografie: KI-gestützte Technologien könnten eingesetzt werden, um automatisiert hochwertige Bilder von Waren für den Online-Verkauf zu erzeugen. Die ­Systeme lernen, das Produkt in der ­besten Perspektive und unter idealen Lichtverhältnissen darzustellen, was die Notwendigkeit menschlicher Fotografen in diesem Bereich ­reduziert. KI lässt sich zudem in der professionellen Fotografie bei der Bildbearbeitung und ­Retusche einsetzen. Derartige Software hilft, automatisch Unregelmäßigkeiten auszugleichen, Farben und Belichtung zu optimieren, eine höhere Auflösung zu interpolieren, Stile zu übertragen, ­Lichtsetzungen zu simulieren oder Bildrauschen zu reduzieren. All dies wird den Arbeitsaufwand für Fotografen vereinfachen und zu kürzeren Bearbeitungszeiten führen.

Spätestens damit sind wir bei den Bereichen, wo uns die KI-Technologien assistieren. Mithilfe von KI-gestützter Bilderkennung lassen sich Fotos längst automatisch analysieren und nach Themen, Objekten, Farben oder anderen Kriterien kategorisieren. Das verschlankt Arbeitsabläufe. Zukünftig hilft KI auch, aus einer großen Anzahl von Fotos die besten auszuwählen und sie auf Knopfdruck in einer ansprechenden Zusammenstellung zu präsentieren.

Was bleibt?

Von der neuen Entwicklung nicht betroffen sind der ­Fotojournalismus und die dokumentarische Fotografie: Die Rolle beider Disziplinen besteht darin, das Geschehen vor Ort authen­tisch und unverfälscht festzuhalten. Obwohl KI in der Bildbearbeitung Fortschritte macht, kann sie den ­menschlichen Blick und das Gespür für die richtige Perspektive und Komposition noch nicht ersetzen. Fotojournalisten werden weiterhin benötigt, um unsere Welt objektiv und ehrlich zu dokumentieren. Vielleicht hat die KI in diesem Bereich sogar zur Folge, dass die Arbeit dieser Menschen auch finanziell wieder stärker gewürdigt wird. Allerdings reicht das einfache Fotografieren nicht aus. ­Journalistische Bilder leben von der Kontextualisierung. Also von Erklärungen und davon, dass man die ­Geschichten hinter den Bildern erzählt. Aber auch dabei kann die KI helfen, wenn sie per ChatGPT Stichwörter in Texte verwandelt.

Die künstlerische Fotografie als kreativer Ausdruck, der die individuelle Perspektive des Fotografen widerspiegelt, bedroht die neue Technologie ebenfalls kaum. KI mag in der Lage sein, Bilder zu generieren, aber sie kann nicht die künstlerische Sensibilität eines menschlichen Fotografen erreichen.

Auch die Porträtfotografie ist relativ KI-immun. Die Fähigkeit, eine Verbindung zu Menschen herzustellen und ihre Persönlichkeit einzufangen, ist eine Fertigkeit, die KI schwerlich nachahmen kann. Professionelle Porträtfotografen, die mit ihren Kunden interagieren und eine Beziehung aufbauen, wird es noch lange geben. Model-, Mode- und Werbefotografen, bei denen nicht die fotografierte Person im Fokus steht, werden dagegen wohl ziemlich bald mit KI-Fotomodellen arbeiten. Fotografischen Themen, die sich um Sexualität und Gewalt drehen, droht bisher wenig Konkurrenz aus dem KI-Lager. Hier gelten so strenge Regelungen, dass selbst biblische Inhalte regelmäßig an den hohen „moralischen“ Maßstäben scheitern.

Spätestens, wenn ich in den Gesprächen über fotografische KI zu diesem Thema komme, ­hellen sich die – zumeist alten, ­weißen und männlichen – Gesichter ­meiner Zuhörer wieder auf.

Munter bleiben!

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Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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