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Ausstellung: States of Rebirth

Mit Fokus auf konzeptuelle Projekte der zeitgenössischen Performance-, Porträt- und Tanzfotografie untersucht die Ausstellung „States of Rebirth“ in den Deichtorhallen Hamburg vom 21. Februar bis 17. August 2025 die Beziehungen zwischen Körper, Bewegung und gesellschaftlichen Strukturen.

States of Rebirth
Roxana Rios „Figure, Form“ (hochkant gehängte Monitore). Die Porträtserien der „Fotograf*in“ begreifen Geschlechtsidentität als performativ.

Der erste Eindruck

Auch die zweite Ausstellung der neuen Kuratorin Nadine Isabelle Henrichs im Phoxxi – dem temporären Haus der Photographie – widmet sich weniger der dort bisher von ihrem Vorgänger gewohnten traditionellen Fotografie mit künstlerischem Anspruch, als vielmehr der Konzept-Kunst mit fotografischen Werkzeugen.

Ana Maria Sales Prados Arbeit „It is the aura of my fingers that sees the egg“ verknüpft unterschiedliche sinnliche Wahrnehmungsweisen. Prado selbst versteht sich als „mehrheimisch“. Sie will aber – ohne danach gefragt worden zu sein – nicht sagen, wo sie geboren ist, weil „dieser emanzipatorische Akt für mich wichtig ist“.

Das sagt der Veranstalter

„States of Rebirth“ beleuchtet die Beziehungen zwischen Körper, Bewegung und gesellschaftlichen Strukturen in physischen und digitalen Räumen, mit einem Fokus auf dokumentarische und konzeptuelle Projekte der zeitgenössischen Performance-, Porträt- und Tanzfotografie. Anhand einer Choreografie, die Aufnahmen bewegter Körper im Raum zueinander in Beziehung setzt, untersucht die Ausstellung, inwiefern Haltungen, Gesten und Posen die Aushandlungsprozesse gesellschaftlicher Veränderungen reflektieren, gestalten und transformieren.

Die Ausstellung bringt dabei Arbeiten von KhingWei Bei, Felipe Romero Beltrán, Moshtari Hilal, Naomi Lulendo, Ana Maria Sales Prado, Roxana Rios, Aykan Safoğlu, Isaac Chong Wai und Farren van Wyk miteinander in Dialog, die „glokale Körper“ fotografisch inszenieren. Als „glokal“ bezeichnet die iranische Tanzwissenschaftlerin Elaheh Hatami Körper, die zugleich lokal präsent sind und Verbindungen zu mehr als einem Ort in sich tragen.

States of Rebirth
Aykan Safoğlus Arbeit „NullDefizit (in Ablehnung)“ setzt sich mit seiner Schulzeit am deutschen Gymnasium in Istanbul auseinander. In der Erklärtafel wird die Arbeitsmigration der 60er Jahre mit (vermutlich) unfreiwillig komischen Begrifflichkeiten erklärt:
„Dieses asymmetrische Verhältnis kommt auch im Begriff der sogenannten »Gastarbeiter*innen« zum Ausdruck. Dieser fragwürdige Ausdruck existiert nur im Deutschen (…)

Das war auffällig

Klassische Konzepte von Fotoausstellungen, bei denen fotografische Prints einem breiteren Publikum bekannter Künstler mit (noch) eher unbekannten jungen Positionen vermischt werden, standen hier augenscheinlich nicht Pate. Eher ist die Fotografie neben anderen Ausdrucksformen wie Installationen im Wesentlichen nur Medium zum Transport von Positionen gesellschaftlicher Minderheiten, zum Ausdruck gebracht durch subjektive Erzählungen. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man sich auf diese in vielen Details durchaus spannende Auseinandersetzung einlässt.

KhingWei Bei "Du bist mein Traummann" ist ein ins Eck gezogenes Leparello das verspiegelte Textelemente umfasst. Hier setzt er sich mit den Projektionen anderer Männer auseinander, die ihn auf Dating Plattformen anschreiben und ihn als asiatisch gelesenen jungen Mann mit ihren "fetischisierenden Fantasien und Wünschen" adressieren.
KhingWei Bei „Du bist mein Traummann“ ist ein ins Eck gezogenes Leporello, das verspiegelte Textelemente umfasst. Hier setzt er sich mit den Projektionen anderer Männer auseinander, die ihn auf Dating-Plattformen anschreiben und ihn als asiatisch gelesenen jungen Mann mit ihren „fetischisierenden Fantasien und Wünschen“ adressieren.

Das sollte man wissen

Konzeptkunst ist weniger formalästhetisch und sinnlich interessant als vielmehr durch Hintergrundinformationen und Kontextualisierung durchdringbar. Aus diesem Grund verbringt man in der Ausstellung vermutlich den Großteil der Zeit bei der Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex und einen kleineren Teil bei der Betrachtung der Werke.

Erleichtert wird die Hintergrundrecherche durch drei für eine Fotoausstellung ungewöhnliche Bereiche:

  • Eine Vielzahl von ausliegenden gedruckten Texten zu den Arbeiten und zu den hinter der Ausstellung stehenden Konzepten sowie eine umfangreiche Sammlung an Büchern und Zeitschriften zur zeitgenössischen Kunstfotografie.
  • Einen Raum mit einer langen Wand, die das komplexe Geflecht von viralen Halluzinationen abzubilden versucht. Allein diese Arbeit ist den Ausstellungsbesuch schon wert.
  • Ein 60-seitiges Booklet mit einem „Glossar für Körper im (Zerr)Spiegel algorithmischer Sichtbarkeit“. Dieses enthält kenntnisreiche (gegenderte) Texte über 36 digitale Phänomene und Neologismen wie Brain Rot, Formatierte Körper, Flesh Tone Imperialism, Looksmaxxing oder Zynternet.
Moshtari Hilal in ihrer Arbeit „Plastic and Perfection“ (von der hier nur ein Teil zu sehen ist) setzt sich mit Hässlichkeit auseinander. Das Hässliche wird zur widerständigen Praktik, und so versteht sie, „die Nase in die Gesellschaft zu tragen, als politische Handlung“.

Das bleibt in Erinnerung

Normalerweise bleiben von Fotoausstellungen mal mehr mal weniger Erinnerungen an besonders eindrucksvolle Bilder. Bei diesen eher in der Kategorie Kunst-für-den-Kopf angesiedelten Werken sind es dagegen hauptsächlich sprachliche Eindrücke – insbesondere die Neologismen aus dem Glossar und Zitate der Kuratorin, der Künstler oder der Beschilderungen, die die Exponate erklären sollen.

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Christoph Künne

Christoph Künne, von Haus aus Kulturwissenschaftler, forscht seit 1991 unabhängig zur Theorie und Praxis der Post-Photography. Er gründete 2002 das Kreativ-Magazin DOCMA zusammen mit Doc Baumann und hat neben unzähligen Artikeln in europäischen Fachmagazinen rund um die Themen Bildbearbeitung, Fotografie und Generative KI über 20 Bücher veröffentlicht.

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