Der Vertigo-Effekt – ein Spiel mit der Perspektive
Seit Alfred Hitchcocks Vertigo (1958) wird der danach benannte Effekt immer wieder eingesetzt, jüngst auch in der dystopischen Serie Severance von Apple TV+. Wie funktioniert er?

Auf dieses Thema wurde ich durch einen Artikel bei PetaPixel zur zweiten Staffel von Severance aufmerksam. In der TV-Serie geht es um die Mitarbeiter von Lumon Industries, die sich aus Geheimhaltungsgründen einen Chips im Gehirn implantieren lassen müssen: Der Chip schaltet beim Betreten und Verlassen der Firmenräume das Gedächtnis um, so dass ein Mitarbeiter im Büro (Innie) nichts von seiner Existenz in seiner Freizeit (Outie) weiß und als Innie und Outie zwei verschiedene Leben führt. Klingt vielleicht bescheuert, aber das Konzept trägt immerhin so weit, dass nun bereits die zweite Staffel läuft. Die Umschaltung im Gehirn, die während der Fahrstuhlfahrt geschieht, wird durch den altbekannten Vertigo-Effekt visualisiert.

Ich mag diesen Effekt, weil er so old-school ist: Er funktioniert rein optisch, ohne Bildbearbeitung, CGI oder gar KI. Und man braucht nicht einmal irgendein besonderes Equipment dafür; ein gewöhnliches Zoom-Objektiv reicht. Falls man mit einem hinreichend hoch auflösenden Sensor arbeitet, tut es sogar ein Digitalzoom.
Der Name Vertigo-Effekt geht auf Alfred Hitchcocks Vertigo – Aus dem Reich der Toten zurück – ein Film, der so alt ist wie ich. Falls ihn jemand noch nie gesehen hat: Die Hauptfigur ist der Ex-Polizist John „Scottie“ Ferguson, gespielt von James Stewart, der wegen seiner Höhenangst und dem dadurch verursachten Schwindelgefühl (englisch vertigo) den Dienst quittiert hat. Beim Auftrag eines Freundes, dessen Frau zu beschatten, versagt er wegen eben dieser Höhenangst. Er versucht der Frau auf einen hohen Glockenturm zu folgen, kann aber nicht Schritt halten und daher auch nicht verhindern, dass sie sich in die Tiefe zu Tode stürzt (tatsächlich ist die Sache verzwickter, aber ich will nicht spoilern – vielleicht haben Sie den Film ja wirklich noch nie gesehen). Scotties Schwindelgefühl wird durch einen speziellen Effekt illustriert, wenn er im Turm nach unten schaut: Der Boden scheint immer weiter zurückzuweichen.
Ein anderer Name für den Effekt lautet Dolly-Zoom, und dieser deutet schon an, wie er entsteht, nämlich aus der Kombination einer Kamerafahrt mit einer gegenläufigen Veränderung der Brennweite. Während sich die Kamera nach vorne bewegt (im Turm eigentlich nach unten, aber Hitchcock hatte mit einem verkleinerten Modell des Treppenhauses gearbeitet, das praktischerweise auf der Seite lag), zoomt der Kameramann von der längsten zur kürzesten Brennweite. Für Motive in der Nähe hebt sich beides auf – die Kamerafahrt würde sie größer erscheinen lassen, aber die kürzere Brennweite hebt das exakt wieder auf. Der Hintergrund wirkt dagegen immer kleiner, scheint also zurückzuweichen. Das funktioniert auch umgekehrt, wenn die Kamera zurück fährt und die Brennweite gleichzeitig verlängert wird; dann scheint sich der Hintergrund zu nähern.
Beide Varianten sind in der Filmgeschichte oft eingesetzt worden, beispielsweise in Der Weiße Hai, Fahrenheit 451, Poltergeist, Goodfellas, Der Herr der Ringe (Die Gefährten), Everything Everywhere All at Once (OK, da ist natürlich auch noch die Green-Screen-Technik im Spiel) – und jetzt eben in Severance. In seiner Wirkung verblüfft er auch noch 67 Jahre nach Vertigo immer wieder.
Der Effekt beruht auf der unterschiedlichen Art, wie sich die Entfernung vom Motiv einerseits und die Brennweite andererseits auf den Abbildungsmaßstab auswirken. Das Objektiv erzeugt Bilder der Motive vor der Linse, und das Größenverhältnis der Bilder zu den abgebildeten Motiven ist der Abbildungsmaßstab. Je weiter ein Motiv entfernt ist, desto kleiner wird es abgebildet, und daher findet auch ein Hochgebirgszug auf einem Kleinbildsensor oder dem noch viel kleineren Sensor eines Smartphones Platz, so lange wir ihn aus etlichen Kilometern Entfernung fotografieren. Der zweite Faktor ist die Brennweite, denn ein Objektiv mit längerer Brennweite erzeugt proportional größere Bilder als eines mit kürzerer Brennweite.
Manche denken ja, man bräuchte keine Wechselobjektive mit unterschiedlichen Brennweiten (oder gleich, weil es bequemer ist, ein Zoom), weil man statt zu einer längeren Brennweite zu wechseln auch einfach näher heran gehen könnte – oder umgekehrt weiter weg, um sich ein Weitwinkel zu sparen. Dahinter steht die Idee, dass die Entfernung und die Brennweite den Abbildungsmaßstab in derselben Weise beeinflussten. Aber wenn es so wäre, gäbe es keinen Vertigo-Effekt, da sich das Zoom und die Kamerafahrt in ihrer Wirkung aufheben würden – was sie offenkundig nicht tun.
Die Wirkung der Brennweite auf den Abbildungsmaßstab ist recht einfach zu beschreiben, denn der Abbildungsmaßstab verhält sich zur Brennweite proportional. Wenn man von 25 mm auf 50 mm oder von 50 mm auf 100 mm wechselt, die Brennweite also verdoppelt, werden auch die Motive jeweils doppelt so groß abgebildet. Und zwar alle Motive, egal wie weit sie entfernt sind, ob nun die Blume im Vordergrund oder die Alpen im Hintergrund. Anders sieht es aus, wenn man seine Aufnahmeposition wechselt. Wenn man eine Person aus zwei Metern Entfernung porträtiert hat und nun die Entfernung auf einen Meter halbiert, wird sie doppelt so groß abgebildet, aber das Bild der Berge im Hintergrund verändert sich praktisch gar nicht. Ob sie 10.000 oder 9999 Meter entfernt sind, macht für ihren Abbildungsmaßstab keinen erkennbaren Unterschied.
Eine Kamerafahrt und generell Veränderungen der Aufnahmeposition beeinflussen den Abbildungsmaßstab um so stärker, je näher die Motive sind; bei weit entfernten Motiven machen sie dagegen keinen Unterschied. Beim Vertigo-Effekt wird ein Motiv im Vordergrund per Zoom vergrößert oder verkleinert, und eine Veränderung der Kameraposition kompensiert das. Die Wirkung des Zooms auf den Hintergrund bleibt dagegen weitgehend unkompensiert, und so entsteht der Eindruck, dieser Hintergrund würde sich auf einen zu oder von einem weg bewegen. Damit kehrt sich die Wirkung der veränderten Perspektive um: Aus unserem Alltag sind wir damit vertraut, dass nahe Objektive größer beziehungsweise kleiner wirken, wenn wir uns ihnen nähern oder sich von ihnen entfernen, während ihr Hintergrund unbeeinflusst bleibt. Der Vertigo-Effekt dagegen zeigt nahe Objektive in konstanter Größe und verändert dafür den Abbildungsmaßstab des Hintergrunds – etwas, das wir in der Realität nie erleben, weshalb es im Film eine so überraschende Wirkung entfaltet.
Dieser Effekt lässt sich zu vielfältigen Zwecken einsetzen: In Vertigo meint Scottie den Boden unter den Füßen zu verlieren, im Herrn der Ringe kündigt der sich drohend nähernde Hintergrund das Erscheinen der Nazgûl an, und in Poltergeist wird der Flur einer Wohnung immer länger, so dass es unmöglich scheint, sein Ende zu erreichen. Manchmal geht es allerdings weniger um die Veränderung der Tiefe eines Raumes, sondern um den Bildwinkel: Eine kürzere Brennweite, kombiniert mit einer kürzeren Distanz um Motiv, bezieht einen größeren Teil der Umgebung ein und lenkt den Blick darauf, wo sich die Personen befinden. In anderen Fällen verengt sich der Blick auf den Hintergrund, wie in Goodfellas. Noch mehr Beispiele für den Effekt (mit Erklärungen) finden Sie hier.
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