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Sony World Photography Awards 2024

Mit 380.000 Einreichungen aus „über 220 Nationen“ sind die Sony World Photography Awards vermutlich der weltweit größte Fotowettbewerb. Also eigentlich sogar größer als die Welt, denn offiziell gibt es nur 193 Länder 🙂

In jedem Fall sagen solche Awards und ihre Gewinner vermutlich sehr viel über die aktuelle Zeit und ihre kulturellen Gepflogenheiten aus.

Die Gewinner-Themen der Profis

Als potenzieller Teilnehmer oder auch nur als Beobachter solcher Wettbewerbe stellt man sich fast unweigerlich die Frage: Welche Themen gewinnen diese aufmerksamkeitsstarken Preise? Die klarste Antwort darauf gibt uns im Grunde schon die Würdigung des „Photographer of The Year“-Hauptpreises, der wiederum als Sieger aus den Gewinnern der Profi-Kategorien gekürt wird.

Dieser Preis ging an die Französin Juliette Pavy und ihr Dokumentar-Projekt „Spiralkampagnen“. Hierbei hat sie mit Frauen gearbeitet, die von den Nachwirkungen einer Kampagne der dänischen Regierung in Grönland berichteten: Zwischen 1966 und 1975 wurden etwa 4500 Inuit-Frauen ohne deren Zustimmung Spiralen in die Gebärmutterhöhle eingesetzt. Öffentliche Aufmerksamkeit bekam die Geschichte 2022 durch einen dänischen Podcast. Abgesehen von den vermutlich vielen persönlichen Dramen der Beteiligten in diesem Zusammenhang, handelt es sich aus Mediensicht um eine thematisch perfekte Symbiose aus der Suche nach Gerechtigkeit in Verbindung mit einer Minderheiten-Story, in der zudem Sexualität und weibliche Selbstbehauptung eine wichtige Rolle spielen. Ähnliche Mechanismen, die auf die Bebilderung von Themenwelten mit Wokeness-Perspektive schließen lassen, gelten auch für viele andere der Siegerprojekte:

Sony World Photography Awards

In der Kategorie Architektur zeigt uns die Irin Siobhán Doran unter dem Titel „Houses that Sugar Built“ prachtvolle philippinische Herrenhäuser mit – wie der Name schon andeutet – kritischem Bezug zur spanischen Kolonialzeit.

Sony World Photography Awards

Sujata Setia aus Großbritannien verarbeitet in der Kategorie „Kreativ“-Themen rund um häusliche Gewalt, die Frauen aus der südasiatischen Community erleiden.

Sony World Photography Awards

In der Kategorie Umwelt macht die Französin Mahé Elipe auf die Vergiftung von über 4000 Bienenstämmen in Südostmexiko durch das in anderen Ländern verbotene Insektizid Fipronil und die damit verbunden Folgen für das Maya-Volk aufmerksam.

Sony World Photography Awards

Eddo Hartmann aus den Niederlanden zeigt in der Kategorie Landschaft mit Infrarot-Bildern das Ausmaß der Strahlenbelastung durch Nukleartests der ehemaligen Sowjetunion in einer Region in Kasachstan.

Sony World Photography Awards

In der Kategorie Portfolio will der Argentinier Jorge Mónaco mit seinen Bildern „ein Licht auf Minderheitengruppen werfen“, wie er selbst sagt.

Sony World Photography Awards

Bei den Porträts siegt Valery Poshtarov aus Bulgarien mit sehr emotionalen Bildern von Vätern und Söhnen, die Hand in Hand für den Fotografen posieren als Zeichen einer „long-unspoken love between men“.

Sony World Photography Awards

Nur die letzten drei der zehn Siegerprojekte sind im Hinblick auf Wokeness-Faktoren ideologisch unverdächtig: Im Zug eines Stillleben-Projekts dokumentiert der Italiener Federico Scarchilli die Bedeutung von Pflanzen für die Medizin der Gegenwart.

Sony World Photography Awards

Beim Sport hat Thomas Meurot aus Frankreich eine Surfexpedition nach Island mitten im Winter begleitet.

Sony World Photography Awards

Im Bereich Natur zeigt die Griechin Eva Berler aufgegebene Spinnennetze, in denen sich unterschiedlichste Objekte verfangen haben.

Die Struktur der Sony World Photography Awards 2024

Sony World Photography Awards

Wenn man sich den World Photography Awards mit Blick auf eine mögliche eigene Teilnahme nähern will, muss man sich vor Augen führen, wie komplex ihre Struktur inzwischen geworden ist:

Grundsätzlich gibt es zwei Einreichungssektionen: Profis und alle anderen. Während die Gesamtzahl der Einreichung dieses Jahr etwas hinter dem Rekord des letzten Jahres zurückblieb, stieg die Zahl der Einreichungen aus dem Profi-Lager merklich an. So stammen nun zum ersten Mal mehr Fotos von Berufsfotografen als von Amateuren, Jugendlichen und Studenten zusammengenommen.

Die Sektionen erstrecken sich über zehn Kategorien. Bei den Profis sind dies: Architektur und Design, Kreativ, Dokumentar-Projekte, Umwelt, Landschaft, Portfolio, Porträt, Sport, Stillleben und Natur.

Bei den Amateuren in der Sektion „Open“ hingegen: Landschaft, Architektur, Kreativ, Lifestyle, Bewegung, Natur, Objekte, Porträts, Straßenfotografie und Reise.

Im Bereich Jugend (unter 19 Jahre) wurde zu einem separaten Wettbewerb unter dem Motto „Through your Eyes“ aufgerufen, während die Studenten sich mit dem Thema „Home“ befassen sollten.

Als Sonderpreise gab es folgende Rubriken: Latainamerikanische Berufsfotografen, Nachhaltigkeit, Alpha-Fotografinnen sowie zusätzlich nationale und regionale Preise.

Am Rande bemerkt: Diese Komplexität hat dazu geführt, dass bei der Berichterstattung des vergangenen Jahres zu Boris Eldagsens KI-Bild in fast allen Medien davon die Rede war, er habe „den“ Sony World Photography Award gewonnen. Tatsächlich hatte er mit seinem Einzelbild den Creative-Award in der Sektion „Open“ gewonnen. Also einen Hauptpreis in der offenen Amateur-Kategorie, der zudem bei der mehrstündigen Verleihungsgala in London im Rahmen der Präsentation der übrigen neun Open-Award Gewinner nur kurz gezeigt, aber nicht extra gewürdigt worden war. Gewonnen als bester dieser zehn Unterpreise der Open-Award Kategorie hatte ein anderer Fotograf.

Weitere Highlights

Die Ausstellung der Sony World Photography Awards 2024 wird vom 19. April bis 6. Mai 2024 im Somerset House in London gezeigt. Später reist sie an andere Orte, unter anderm zum Willy-Brand-Haus nach Berlin. Neben den Gewinnerbildern der Profis sind auch viele spannende Einzelbilder und Serien dabei, die zweite und dritte Plätze belegt haben.

Sony World Photography Awards

Zum Beispiel Tina Poppes Porträts von Schnittblumen, die in industriellen Gewächshäusern gezüchtet werden.

Angelica Jacobs Sport-Reportage über bayrische Finger-Wrestler.

Und natürlich die Arbeiten von Sebastian Salgado, der dieses Jahr neben dem eigentlichen Award für seine „Outstanding Contribution for Photography“ geehrt wurde.

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Christoph Künne

Christoph Künne ist Mitbegründer, Chefredakteur und Verleger der DOCMA. Der studierte Kulturwissenschaftler fotografiert leidenschaftlich gerne Porträts und arbeitet seit 1991 mit Photoshop.

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